Die Einzelkämpferin
Firma: Allude, München Gründung: 1993 Mitarbeiter: 4, davon einer
für den Vertrieb zuständig Produkte: Cashmere-Strickwaren
Strategie: Als Andrea Karg 1993 beschloss, nicht Juristin,
sondern Designerin für Cashmere-Mode zu werden, hörte sie auf ihr
Gefühl und nicht auf den Markt. Der Markt sagte: Cashmere-Produkte
sind teuer und edel. Die Käufer sind wohlhabend und reifen Alters.
Die Farben müssen dezent und dunkel sein. Und der Markt wurde
beherrscht von den großen Marken, die Cashmere-Produkte in ihren
Kollektionen führten. Andrea Kargs Gefühl aber sagte: Ein
Cashmere-Pullover muss für 300 Mark zu haben sein. Die Käufer können
auch jung sein. Die Farben dürfen hell und peppig sein. Und Andrea
Karg beschloss, es gegen die großen Marken aufzunehmen.
Sie entwarf einige Pullover in violetten und türkisen Farben,
beriet sich mit Kollegen aus der Branche, die sie von ihrem Nebenjob
als Model während des Jura-Studiums kannte, und grübelte, wie sie
ohne Geld an ihre Kunden kommen sollte. Schließlich buchte sie einen
Showroom auf der CPD-Messe in Düsseldorf. Pro verkauftes Stück, so
lautete die Vereinbarung, sollte der Betreiber des Showrooms eine
Provision behalten können. Das war die günstigste Lösung für die
Firmengründerin.
Am ersten Tag war sie vor Ort, um die Anordnung der
Präsentationsstücke zu überwachen und die Mitarbeiter des Showrooms
von ihrer Vision zu überzeugen. "Nur wenn auch die Verkäufer die
Firma verstanden haben und meine Begeisterung für das Material mit
rüberbringen, kann das funktionieren", dachte sie sich. Als die
Messe vorüber war, bekam Andrea Karg einen Schock. Auf Strichlisten
zählte sie im eigenen Wohnzimmer die Bestellungen zusammen - die EDV
für 7000 Mark war ihr zu teuer. Das Ergebnis: 40 neue Kunden, 2500
bestellte Stücke, Liefertermin in drei Wochen. Das Gefühl hatte der
jungen Designerin Recht gegeben und den Markt besiegt. Die Verkäufer
haben gut gearbeitet. Doch damit begannen die Probleme: Die
Produktion in drei chinesischen Werkstätten musste vorfinanziert
werden. Die Banken blockten. "Ich hatte ja noch nichts vorzuweisen."
Erst der Kredit einer Verwandten ermöglichte die Expansion.
Heute verkauft Andrea Karg 20 000 Stücke pro Kollektion an rund
200 Einzelhändler, steigerte im letzten Jahr den Umsatz um 40
Prozent und ist gerade in größere Räume umgezogen. Die Probleme sind
nach wie vor die Gleichen. Die Produktionen müssen vorfinanziert,
die Fixkosten in der Firma daher niedrig gehalten werden. Andrea
Kargs Erfolgsgeheimnis heißt deshalb wenig Schlaf. Morgens um vier
Uhr telefoniert sie mit den asiatischen Produktionsstätten, um
Liefertermine abzusprechen. Tagsüber entwirft sie neue Pullover,
Röcke, Hosen und Mäntel, verhandelt mit Speditionen, die ihre
Produkte lagern und ausliefern, und streitet mit der
Marketingabteilung darüber, ob auf Anzeigen das Produkt zu sehen
sein muss oder nicht. Spätabends ruft sie ihre Agentin Lilly Kate in
New York an, um zu fragen, ob das amerikanische Geschäft weiter
boomt. Der Vertrieb ist zwar ausgelagert, doch nach wie vor unter
den Fittichen der Chefin. Viermal im Jahr lädt sie die
Vertriebsmitarbeiter der Offenbacher Agentur Schuhmacher und
Kubanek, die sich um die Kundenakquise in ganz Deutschland kümmern,
zur Konferenz nach München ein. "Der Spirit von Allude muss bis zum
Kunden gelangen. Und das geht nur über persönliche Kontakte."
Deswegen legt sie großen Wert auf die Auswahl ihrer Verkäufer und
setzt zugleich auf Ehrlichkeit. "Manche Läden wollen in der Euphorie
gleich die ganze Kollektion kaufen. Da muss der Vertreter schon
dezent nachfragen, ob das so sinnvoll ist."
Ihre Produkte vertreibt Andrea Karg über die Showrooms der
Vertriebsagentur an den Einzelhandel. In München, Düsseldorf und
Salzburg wird die Ware nur zu Messezeiten ausgestellt, in Offenbach,
Wien und New York das ganze Jahr über. Statt Miete zahlt die
37-Jährige der Agentur Provisionen zwischen acht und 14 Prozent pro
Stück verkaufter Ware. Somit erfordert der Vertrieb keine
finanziellen Vorleistungen. Um die Aufmerksamkeit des
Endverbrauchers kümmert sie sich selbst - über Anzeigen in
Lifestyle-Magazinen, eigene Broschüren und Product-Placement bei den
privaten Fernsehsendern. An eine Vertriebs- und
Produktionskooperation mit einem großen Hersteller zur
Kostenreduzierung hat sie nie gedacht. "Da besteht die Gefahr, dass
die eigene Identität verloren geht." Andrea Karg ist eine
Einzelkämpferin. Vorstellen könne sie sich nur den Verkauf von
Lizenzen, wenn Allude einmal zur bekannten Marke geworden ist, oder
situa-tive Allianzen mit Unternehmen, "die sich mit mir nicht
beißen". Doch so weit werde es vielleicht in vier, fünf Jahren sein.
Bis dahin wird die Cashmere-Liebhaberin um vier Uhr morgens
aufstehen, um sich höchstpersönlich um den Vertrieb ihrer 250
Kollektionsstücke zu kümmern.
Erfolgsfaktoren: Andrea Karg hat ihre Zielgruppe genau festgelegt
und kann ihr Angebot und den Vertrieb daran anpassen. "Die
Kooperation mit Vertriebsagenten vermeidet hohe
Vertriebsinvestitionen und bietet zugleich die Möglichkeit zur
gezielten Kundenansprache", urteilt BCG-Mitarbeiter Nils Daecke.
Kontakt: Allude, Seitzstr. 8, 80538 München Fax: 089/2117272
Die Taktiker
Firma: MIS AG, Darmstadt Gründung: 1988 Mitarbeiter: 250, davon
40 im Vertrieb Produkte und Dienstleistung:
Manager-Informationssysteme, Unternehmensberatung
Strategie: Wenn Franklin Syrowatka ans Verkaufen denkt,
verwandelt sich das Vorstandsmitglied der MIS AG in einen Feldherrn
des Mittelalters. Vor Augen hat er das breite Feld potenzieller
Kunden: IT-Spezialisten, Controller und Manager mittlerer und großer
Unternehmen. Vor Augen hat er seine Waffen, "die Dienstleistungen
und Produkte des Unternehmens: Entwicklung von analytischen
Applikationen wie Planung, Budgetierung und Konzern-Konsolidierung;
Unterstützung von Management und Controlling durch eine selbst
entwickelte Software namens "MIS Alea". Vor Augen hat er das Ziel:
vollständige Eroberung.
Der Feldzug läuft in drei Schritten ab: "Zuerst die Pfeile von
ganz hinten", erklärt der Feldherr. Die Schützen sind die zehn
Tele-Seller der Vertriebsabteilung. Sie stellen den telefonischen
Kontakt zu möglichen Neukunden her. Die Telefonnummern kommen von
anderen Kunden, über zugekaufte Adressdateien oder
Messekontakte.
20 Anrufe erledigt jeder Tele-Seller pro Woche. Bezahlt wird er
mit einem Grundgehalt und einer erfolgsabhängigen Provision.
"Danach", sagt Syrowatka, "wird das Schlachtfeld erst mal
aufgeräumt." Auf diejenigen Unternehmen, die Interesse an der MIS AG
signalisiert haben, wird dann die leichte Kavallerie losgelassen,
die sogenannten Pre-Seller. Das seien "exzellente Verkäufer und
Produktdemonstratoren, die mit allen Wassern gewaschen sind". Ihre
Aufgabe ist es, die MIS AG in die "Endauswahl" von Projekten des
möglichen Kunden zu bringen. Hier kommt es darauf an, "genau zu
hören, was der Kunde glaubt zu brauchen und was er wirklich
braucht". Das geschieht bei persönlichen Besuchen, häufiger jedoch
durch zentrale und damit kostengünstigere Veranstaltungen: Auf
sogenannten Roadshows in 18 Städten pro Jahr präsentiert die MIS AG
ihre neuen Produkte und Beratungsangebote.
Zuletzt schlägt die Stunde der schweren Geschütze: der Consulter.
Sobald ein intensiverer Kundenkontakt besteht, treten die 150
Berater der MIS AG in Aktion, "Kommunikationstalente mit einer
betriebswirtschaftlichen Ausbildung. Sie besuchen die Kunden vor Ort
und bilden die Schnittstelle zur betriebswirtschaftlichen Seite.
Während sie noch in der einen Abteilung ihre Software-Lösungen
vorstellen, lauschen sie schon, welche Probleme die
Nachbar-Abteilung hat. Sie erkennen weiteren Produkt- und
Dienstleistungsbedarf und entwickeln entsprechende Angebote. Im
Idealfall so lange, bis sie durch alle Abteilungen marschiert sind.
"Genau hier liegt unser Wettbewerbsvorteil", sagt Syrowatka. "Wir
bieten mehr als die reine Produktberatung, wir dringen in die
Unternehmensberatung ein."
Eine gut strukturierte Kundenakquise und die Verbindung von
Produktvertrieb und Beratung bilden das Erfolgsrezept, durch das
sich die MIS AG zum führenden Unternehmen für softwaregestützte
Manager-Informations-Systeme im deutschsprachigen Raum Europas
aufgeschwungen hat. Mittlerweile wurde auch eine strategische
Partnerschaft mit Microsoft abgeschlossen, um gemeinsam den SQL
Server 7.0 mit der Software von MIS vorzustellen. "Die
Individualkomponente ist dabei nach wie vor unsere Nische", sagt
Vorstandsmitglied Jiri Vodicka. Das Unternehmen legt großen Wert auf
eine enge Kundenanbindung. Zweimal im Jahr kommen zehn der großen
Kunden in die Unternehmenszentrale nach Darmstadt, um die Produkte
zu benoten. Auf Checklisten bewerten sie das
Preis-Leistungsverhältnis, die Schnelligkeit der Systemerstellung
oder die Anwenderfreundlichkeit. In diesen Momenten schaut Vodicka
nicht nur auf die Zensuren seiner Kunden, sondern vor allem auf ihre
Körperhaltung, die Augen und das Lachen. "Da-ran sehe ich, ob unsere
Produkte sexy sind. Dann verkaufen sie sich am besten."
Erfolgsfaktoren: Für BCG-Berater Nils Daecke ist die MIS AG "ein
Musterbeispiel" für ein erfolgreiches Vertriebskonzept. Das
Unternehmen entwickle ein tiefes Kundenverständnis, in dem es den
Bedarf der Kunden analysiert. Es biete mit dem Leistungsbündel aus
Software und Beratung einen Zusatznutzen und schaffe damit
Loyalität. In der Partnerschaft mit Microsoft bekomme es zudem den
besten Zugang zu seinen Zielkunden.
Kontakt: MIS AG, Landwehrstr. 50, 64293 Darmstadt Fax:
06151/866666, http://www.mis.de/
Die virtuellen Verkäufer
Firma: Softline AG, Offenburg Gründung: 1983 Mitarbeiter: 70,
davon 24 im Vertrieb Produkte: Software-Produkte
Strategie: Peer Blumenschein beschwört gern die enge Anbindung
des Vertriebs an die Unternehmensleitung - und das hat Tradition. Zu
seiner ersten Vertriebsmitarbeiterin pflegte der Gründer der
Softline AG ein besonders enges Verhältnis: Es war seine Mutter. Sie
hütete das Telefon im heimischen Wohnzimmer, als der damals
17-Jährige mit seiner gleichaltrigen Schwester Nina begann, Software
aus Amerika für Nutzer des populären Apple II-Computers zu
vertreiben. Die Kundenakquise fand vor den Messehallen in Darmstadt
statt. Der Kollegstufenschüler klemmte seine Produktlisten hinter
die Scheibenwischer der parkenden Autos. Am Tag danach hatte die
Mutter viel zu tun.
Heute vertreibt Peer Blumenschein seine 5000 Artikel über das
Internet und mit einem 172-seitigen Hochglanzkatalog, der wie ein
Magazin gestaltet ist. Doch obwohl sich die Vertriebskanäle geändert
haben und man sich mittlerweile auf den Software-Bereich für
Internet und Desktop- Publishing spezialisiert hat, bleibt der
Firmenchef alten Prinzipien treu.
Nach wie vor steckt Blumenschein jede Mark Gewinn wieder ins
Unternehmen - und vor allem in den Vertrieb, der über die Hälfte des
Umsatzes schluckt. Nach wie vor liest er jeden Morgen mehrere
Zeitungen und Magazine aus der ganzen Welt. "Man muss die Ohren so
nah am Markt haben, dass man das Kriechen der Schnecken hört." Nach
wie vor ist die Kunden-Datenbank das Heiligtum der Firma. "Wir
wissen mehr über unsere Kunden als viele unserer Mitbewerber." Das
ermöglicht nicht nur ein gezieltes Marketing über eMails, Newsletter
oder Telefon, sondern auch eine enge Kunden- anbindung an das
Produkt. Wenn Kunden Verbesserungsvorschläge äußern, werden diese
gespeichert und an den Hersteller weitergeleitet.
Alle zwei Wochen trifft sich Blumenschein dafür mit seinen
Produktmanagern aus der Vertriebsabteilung. "Kunden geben oft
subtile Informationen, da braucht der Vertriebsmensch die richtigen
Antennen dafür", sagt er. Kundennähe rangiert für Peer und Nina
Blumenschein ohnehin ganz oben auf der Prioritätenliste. "Außerhalb
des Spiele- und Entertainment-Bereichs ist Software sehr
erklärungsbedürftig." Deshalb bietet Softline neben einem
technischen Support via Telefon ausführliche Beschreibungen und
Kommentierungen seiner Produkte an.
Die Vertriebsabteilung hat seit kurzem Zuwachs bekommen. Im
Rahmen von Partnerschaften arbeiten andere Unternehmen für die
Blumenschein-Geschwister als virtuelle Handelspartner im Internet.
Auf ihren Webseiten verweisen sie auf die Produkte der
Software-Firma. Mit einem Mausklick kann gleich bestellt werden.
Wird ein Produkt von Softline über diesen Weg verkauft, bekommt der
Partner rund fünf Prozent Provision. 75 solcher Kooperationen hat
Blumen-schein abgeschlossen, etwa mit shopping24.de des
Versandhauses Otto. Noch sind erst sieben Mitarbeiter für den
Online-Shop von Softline zuständig, der 24 Stunden geöffnet hat.
Doch irgendwann, schwärmt Blumenschein, wird der Internet-Kunde
per Breitbandübertragung direkt mit dem Berater Kontakt aufnehmen
können. Dann greift Blumenscheins Erfolgsrezept auch auf dem
virtuellen Vertriebsweg: die enge Bindung an den Kunden.
Erfolgsfaktoren: Peer und Nina Blumenschein haben von Anfang an
eine engagierte Kommunikation mit ihren Kunden geführt. Anfangs über
Flyer, dann über Katalog und Internet. BCG-Berater Nils Daecke
stellt vor allem den Stellenwert der Kooperationen im Internet
heraus.____ //
Kontakt: Softline AG, Lange Str. 47, 75652 Offenburg Fax:
0781/9293240, http://www.softline.de/
Vier Firmen, vier Modelle: Wer den Königsweg sucht, sucht lange.
Das Problem der meisten Gründer ist jedoch, dass sie viel zu spät
daran denken, sich überhaupt auf die Suche zu machen.
"Die meisten gehen da ein bisschen blauäugig ran", meint Winfried
Krauß, Inhaber einer Unternehmensberatung für Vertriebsfragen.
"Meistens herrscht die Vorstellung vor, mein Produkt ist gut, dann
werden die Leute es schon kaufen." Folge: Der Vertriebsaufbau wird
stiefmütterlich behandelt und liegt meist hinter der
Produktentwick-lung zurück. Izzet Furgaç von der Firma Alligator
Sunshine bringt es auf den Punkt: "Wer sich erst um den Vertrieb
kümmert, wenn sein Produkt schon fertig ist, geht pleite."